Video im Internet: Wolkig mit Aussicht auf Googlehupf

Googlehupf
Videos im Internet sind ein Kampf gegen Windmühlenflügel – jeder will unbedingt sein eigenes Korn mahlen. Zwar ist es Adobe gelungen, sich mit Flash-Video stark aufzustellen, aber wie auch immer: Nichts geht ohne Plugins und ohne Plugins geht gar nichts.
HTML bietet das object-Tag, das ist aber so alt wie Methusalems Bart und bietet keine Möglichkeit zur Steuerung von Videos oder Audio: kein play, stop, pause, rewind, loop, autostart. Dafür kann das object-Tag jede Menge an param- und embed-Tags enthalten, die irgendein Plugin und/oder Javascript-Code ansprechen. Das war fein gedacht: Wir halten HTML frei von konkreten Datenformaten, dann sind wir offen für alles, was da kommen mag. Beim img-Tag hat es funktioniert, beim Video entstand ein rezeptloses Chaos.
Backrezept für federleichtes Video im Internet
- Man nehmen das video-Tag aus HTML5, das ein Steuern des Videos ermöglicht, mit play, stop, rewind, pause, vielleicht noch ein Poster-Bilder für den Anfang, ein fast-foreward, ein mute.
- Jetzt brauchen wir noch ein Containerformat – das Format für die Datei, die das Video enthält (mov, ogv, flv, avi)
- Einen Codec mit akzeptabler Qualität, die die Video-Daten komprimiert / dekomprimiert
- Browser, die das alles mitmachen – die das video-Tag unterstützen und das Video von Haus aus (ohne Plugins) abspielen.


Das video-Tag liegt schon im Regal mit den Backzutaten. Ein Browser, der das video-Tag implementiert, kann Video ohne Plugins abspielen. Einfach so, weil play, pause usw. Attribute für das video-Tag sind. Einfaches CSS und Javascript können das Video hübschen und los geht‘s ohne Plugin.
Die Backform: Containerformate für Videos
Aber Videos sind eine Kombination aus einem Containerformat (mov, flv, ogv, avi) und einem Codec (H.264, MPEG-4, Ogg Theora, WebM). Das Containerformat ist nur das Dateiformat, in dem Film und Audio eingepackt sind, so wie das TIF-Format die Pixel eines Bildes verpackt oder ein PDF aus Text und Bildern besteht.
Hier kommt Ogg ins Spiel. Ogg ist ein offenes freies Containerformat der Xiph Org Foundation. Das ist fein – das verträgt jeder.
Keiner ist das Gelbe vom Ei: Codecs
Der Codec ist ein Algorithmus, mit dem das Video- und Audiomaterial eines Films encodiert und decodiert (verpackt und ausgepackt) wird.
Kommerzielle Eier aus der Legebatterie: H.264 | Der H.264-Codec hat sich in kürzester Zeit durchgesetzt und bietet eine gute Qualität, aber der Einsatz von H.264 könnte Lizenzgebühren kosten und das wiederum beunruhigt die Open Source-Fraktion des Webs. H.264 liegt in den Händen der MPEG-LA-Gruppe (Fraunhofer-Gesellschaft , Dolby, LG, Microsoft, Panasonic, Samsung, Sony, Apple … ) und ist für Geräte mit einer schmalen Bandbreite und schwächeren CPUs gedacht (u.a. Handys). Die meisten Handys benutzten einen H.264-Decoder-Chip, da ihre CPU gar nicht in der Lage wäre, den Film zu decodieren. Auf Grafikkarten findet man ebenfalls oft H.264-Chips.
Bio-Codecs vom quelloffenen Bauern: Ogg Theora | Ogg Theora wäre ein qualitativ nicht in jeder Hinsicht gleichwertiger Ersatz, aber für Video im Internet ala youtube durchaus akzeptabel. Wird aber von Apple und Microsoft abgelehnt, da Mitglieder der MPEG-LA eine Patentverletzung reklamieren und eine Änderung des Ogg Theora-Algorithmus fordern könnten.
Sonstige Codecs: MPEG-4 ASP | Dazu gehören DivX, Xvid, 3ivx – allesamt konkurrierende Implementierungen von MPEG-4 ASP.
Wenn der Kuchen nicht aufgeht: Lizenzen und Patente
Das Web ist ja bereits einmal von einer spät und unerwarteten auftretenden Lizenz erschüttert worden. Der Kompressions-Algorithmus des GIF-Formats beruhte auf einem Patent von Unisys. Irgendwann Mitte der 90iger Jahre kroch Unisys damit aus dem Löchern – da war GIF schon lange Hans Dampf in allen Gassen des Internets – und forderte horrende Lizenzgebühren. Der Versuch, GIF durch PNG als technisch überlegenes offenes und lizenzfreies Format abzulösen, scheiterte an mangelnder Organisation, obendrein blieb die GIF-Animation (die damals noch die beste Basis für kleine Animationen war) auf der Strecke. Als PNG 2003 endlich zum ISO Standard wurde, waren die Patente auf GIF schon abgelaufen, und Animationen waren viel einfacher mit Javascript umzusetzen. Dumm gelaufen …
Nun, damit kann man vielleicht die Zurückhaltung von Apple und Microsoft erklären. Wer eines Tages mit drastischen Lizenzforderungen ans Tageslicht kommt, wird sich nicht bei Mozilla bedienen wollen, sondern sich an den Töpfen der Großen bedienen wollen.


Backhilfe: Googlehupf mit VP8
VP8 ist ein Video-Codec, der Google sozusagen beim Shopping in die Hände gefallen ist. Aus dem VP8 und Ogg Vorbis für Audio hat Google den Codec WebM geschnürt.
Das Schöne an VP8: Der Codec ist Open-Source und wird von den kleinen Spielern mit offenen Armen empfangen. Nur wenige Stunden nachdem WebM von Google, Mozilla und Opera vorgestellt wurde, hat sogar Microsoft die Unterstützung von H.264 und VP8 in IE9 angekündigt.
Natürlich mit einer klitzekleinen Einschränkung: Wenn der Benutzer den VP8-Codec installiert. Das ist keine wirkliche Unterstützung, sondern eine Einladung: Du bist zum Kaffeetrinken eingeladen, aber nur wenn du den Kaffee selber kochst. So kannst du dich nicht beklagen, wenn was schief geht.
Als das PNG-Format gebacken wurde und nicht aufgehen wollte, war Google noch ein ganz kleiner Bäcker. Vielleicht kann Google ja tatsächlich einen Einigungsprozess in Gang setzen und VP8 einsatzfähig machen. Aber mal ganz ehrlich: Soll ich nicht doch besser einen Kuchen aus der Tiefkühltheke mitbringen?
Die MPEG LA hat im Februar verkündet, dass bis Dez. 2015 keine Lizenzgebühren für Internet Video, das für die Benutzer frei zugänglich ist, erhoben werden. Das Ganze ist mal wieder ein Sturm im Wasserglas.



